Podcast DENKMALZEIT # 083 des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege
Die aktuelle Folge der DENKMALZEIT des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege begleitet die feierliche Rückkehr des Einhornteppich der St. Gotthardtkirche in Brandenburg an der Havel und lässt verschiedene Menschen zu Wort kommen: Besucherinnen und Besucher, Wissenschaftler sowie die „Brandenburger Bücherkinder“, die sich kreativ mit dem Einhornteppich auseinandergesetzt haben.
Ab min. 17:53 bis min. 22:48 interviewt Anne-Marie Graatz den Mentor der Bücherkinder Brandenburg Armin Schubert.
Das Landesamt für Denkmalpflege Brandenburg befragt Armin Schubert,
den Mentor der Bücherkinder,
Mitglied der Pirckheimer-Gesellschaft und
der Christa Wolf Gesellschaft, beide e.V.;
er ist Gründer der Jugendkunstschule Galerie Sonnensegel e.V in Brandenburg an der Havel und des Sonnensegel e.V.
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ein REDETEXT
00:17:53:23 – 00:18:16:02
Anne-Marie Graatz
Ein Podcast in der Sakristei der Gotthardtkirche zu Brandenburg sozusagen. Ich habe Sie jetzt hierher entführt. Ja, Sie sind Armin Schubert, der, wie kann man das sagen? Der Gründer der Bücherkinder, sozusagen. Heute haben wir nun die Rückkehr des Einhornteppichs aus dem Museum Barberini Potsdam erlebt und Sie haben mit den Kindern dazu ein Buch gemacht und ARTE-TV, der deutsch-französiche Kultursendern, hat dies in die Film-Doku mit aufgenommen. Eine enorme Würdigung.
00:18:16:04 – 00:18:45:11
Armin Schubert
Richtig. Also, Gerhard Wolf, der Mann von Christa Wolf, hat den Namen für mein Ehrenamt erfunden. Du bist der Mentor der Bücherkinder. Also, hier ist eine Visitenkarte. Die können Sie von mir noch mitnehmen. Als ich noch Sonnensegel – hier die Jugendkunstschule – geleitet habe, da habe ich angefangen, mit dem Druck von Büchern in unserem Gutenberg DruckLaden, den ich eingerichtet habe. Und dann Zweitausendneuen ging ich in Rente, 2009. Und ich dachte, also Rente, dies geht für mich überhaupt nicht. Ich muss jetzt etwas erfinden, was ich machen will, und so habe ich seither gut zehn Bücher mit immer wechselnden Kindergruppen gemacht, in eben dieser Qualität. (zeigt auf das Buch zum Einhorn)
Und wir haben uns auch überlegt, wir nehmen einen Duktus für die Anmutung der Bücher, der nicht so – sagen wir mal kindlich im Sinne oft kindisch und billig und kitschig ist-, wir gehen in die Bauhaus Tradition.
A. M. Graatz
Sind Sie Architekt?
00:18:45:12 – 00:19:18:05
Armin Schubert
Nein, das hat nämlich einen gewissen Bauhausstil. Nein, nein, ich bin, ich bin Lehrer gewesen in DDR.Tagen und dann eben der Gründer dieser Jugendkunstschule. Und wir haben uns dann überlegt, dass wir wirklich so im Stil der Ästhetik des Bauhauses in Dessau auch Bücher machen, um den Kindern eine andere Wertigkeit als diese poppig bunte, oft verkitschte Welt eben auch anzubieten, zu sagen, nein, es gibt noch andere Wertigkeiten als die des Billigmarktes der Marktwirtschaft; es gibt ja auch
Anne-Marie Graatz
und das Buch heißt Wie heißt es noch mal vom Mehrwert des Einhorns?
00:19:18:06 – 00:19:43:06
Armin Schubert
Genau. Und da könnte man ja denken da ja das Wort Mehrwert, das klingt ja fast wie aus der philosophischen Kiste von Karl Marx. Aber mehr Wert ist mehr Wert als Mehrwert. (ein wichtiges Wortspiel)
Anne-Marie Graatz
Haben wir in der Denkmalpflege auch, Mehrwert. Also haben wir hier doppelten Mehrwert: Denkmalpflege – Einhorn-Mehrwert.
00:19:43:07 – 00:20:06:09
Armin Schubert
So vieles ist ein Mehrwertigkeit. Und beim Lesen haben wir das eben auch gespürt, wie sich die Kinder auch in vieles eingelassen haben. Selbst, wenn ich Sie z.B Gedichte von Ernst Jandl lesen ließ und wir den Spaß hatten, zu seinen Nonsens-Gedichten dann selber Gedichte zu schreiben, und dann merkten wir, wie schön das ist, mit Sprache umzugehen, welchen Wert auch Sprache hat, welchen Wert auch Zeit hat, dass man ein Jahr Zeit braucht, um ein Buch zu machen, das geht nicht mit Fingerschnips und mal aufs Handy gucken und Glotz und ich habe gleich einen großen Erfolg.
00:20:06:11 – 00:20:25:24
Armin Schubert
Am Ende der Arbeit gibt es nach einem Jahr ein Buch und nicht nach einer Stunde oder einem Tag. Ja, man könnte hier auch fürs nächste Buch eine Werbung machen. Und zwar arbeiten wir jetzt an einem Buchthema, das heißt An den Marken meiner Tage. Woher habe ich diesen Text? Ich war im vorigen Jahr am Grab von Marlene Dietrich, und auf ihrem Stein steht: Hier steh ich an den Marken meiner Tage.
00:20:26:00 – 00:20:51:06
Armin Schubert
Oh, dachte ich, diese Metapher, die Marken meiner Tage. Das kann etwas ergebe.
Wir untersuchen jetzt die Marken der Lebenstage von Mascha Kaleko, dieser jüdisch-deutschen Dichterin, von Margot Friedländer, die wir gerade mit 103 beerdigt haben, von Marlene Dietrich. Der Schriftstellerin Christa Wolf. Aber mit solchen Marken von Persönlichkeiten befassen wir uns derzeit . . .
00:20:51:09 – 00:21:15:02
Anne-Marie Graatz,
aber die Themen – kommen die Kinder auf solche Themen? Aber haben die Kinder, dürfen die das gestalten, was da passiert?
00:21:15:02 – 00:21:45:20
Armin Schubert
Absolut. Das, was hier inhaltlich kommt, ja, ich trage eben die Literatur in die Gruppe und sage, was es an Literatur zu dem Thema gibt. Oder ich zeige einen Film zu Margot Friedländer. Ich, Margot, haben wir jetzt gerade geguckt, haben dazu einen Film-Protokoll geschrieben und schreiben dann daraus jeder, was er so aufgeschrieben hat, eben eigene Texte; also das ist dann schon die Eigenleistung. Aber wenn Sie so wollen, und Sie fragen das zu Recht und von mir aus auch kritisch, da habe ich nichts dagegen. Nein, wir Kulturpädagogen sind auch genötigt, zu arbeiten wie Präparatoren im Mittelalter. Wir müssen lernen, die Dinge zu präparieren. Das macht sowohl ein Pfarrer als ein Kunstpädagoge wie ich. Also viele, viele Berufe machen das. Sie halten Wertigkeit aus vergangenen Tagen eben auch hoch, um die Flüchtigkeit unserer Zeit, die ich nicht verteufeln und nicht ändern kann. Die ist, wie sie ist, aber etwas dagegen zu setzen, ist auch meine Aufgabe. Kultureller Pluralismus.
00:21:45:21 – 00:22:07:20
Armin Schubert
Ja, es gibt noch andere Werte als diese Popkultur und das, was uns täglich vorgemacht wird. Das ist ein anderer Blickwinkel. Praktisch, dass wir ihnen, den Kindern, zeigen, Angebote machen, was alles möglich wäre / möglich ist. Und diese Flüchtigkeit, die wir heute erleben, dagegen setze ich etwas, das ich sage: Nein, denkt mal an diesen Begriff, das Konservieren. Früher haben unsere Omas alle noch eingeweckt. Das Essen für den Winter konserviert.
00:22:07:20 – 00:22:29:20
Armin Schubert
Haben wir heute alles gar nicht mehr nötig? Einwecken, Obst retten. Aber die Idee dahinter ist doch eine wichtige. Und so ist es auch mit geistigem Eigentum, mit kultureller Bildung.
Mit Malerei, mit Grafik, mit Einhorn -Ausstellungen/ Kunstausstellungen und eben dringlich – mit Büchern. Mit Filmen. Und das stelle ich den Mittelpunkt und sage: So, und wir entwickeln jetzt daraus etwas Eigenes, Künstlerisches. Ihr seid die Kreativen.
00:22:29:22 – 00:22:48:04
Armin Schubert
Ich habe euch nur gesagt, was möglich ist und dann erlebt ihr euch neu und sagt: Das ist ja toll. Ich sag, weißt du, wenn du dann eine Oma bist/ ein Großvater, dann kannst du sagen, guck mal, vor 50 Jahren, was ich als Kind gemacht habe. Und du heute, di zappst nur noch auf dem Handy rum. – Lustig. –
Beide
Ja, vielen Dank. Ich danke Ihnen.